Mehr Farben - Das Leben ist kein Märchen
Aber was ist es dann?
Hier entsteht die Geschichte des Welpen und seiner Mutter. Zwischen Autofiktion und komplett ausgedacht.
Pränatal.
Lärm. Nicht enden wollender Lärm. Hektisches Gerede, immer wieder die gleichen Worte, sich endlos widerholende Phrasen.
Sie legt eine Hand auf ihren Bauch. Die Wölbung ist sanft, kaum zu sehen, aber sie fühlt sie schon. Ihre Hand wärmt die Haut unter dem T-Shirt. Wird leicht angehoben von ihrem tiefen Atem. Ihr Blick geht zur Seite, lässt den Tisch mit den gestikulierenden Personen, das vorgereckte Kinn ihres Schwiegervaters beiseite, wandert hinter die niedrige Steinmauer, an einem alten Baum vorbei, die abfallende Wiese hinab zum Rhein. Die Sonne glitzert auf dem träge fließenden Wasser
„Tab?“, hört sie die Stimme ihres Mannes. Das glitzernde Fließen, das Gras und die Blumen, der Baum, die Steinmauer, alles weicht zurück. Am Tisch ist es ruhiger geworden. Ihre Schwiegermutter zeigt das übliche, gleichmütige Gesicht. Sie hält die kleine Hannah auf ihrem Schoß, die mit ihrem Löffel die Eiskugel bearbeitet. „Du bekommst eine kleine Schwester“, sagt die Oma. Und dann bricht der Lärm wieder los. Die gleichen Worte, wie zuvor. Der Schwiegervater nimmt seine Schleife wieder auf. Das ist nicht sicher! Das kann man nicht wissen. Der Ultraschall reicht nicht. Ich müsst einen Test machen, einen Test, sonst kann man es nicht wissen. Eine Fruchtwasseruntersuchung muss man machen. Sonst wisst ihr gar nichts. Mit einer Fruchtwasseruntersuchung seid ihr sicher.
„Nach allem, was ich sehe, ist es ein Mädchen“, hat der Arzt gesagt, „natürlich, bei CSI würden sie sagen: Wo sind die Beweise?“ Er braucht einen Disclaimer.
Tabitha braucht keine Beweise. Und das Gerede ihres Schwiegervaters braucht sie schon gar nicht. Viel zu viel Gerede um das Geschlecht eines ungeborenen Kindes. Vor drei Jahren haben sie sich auf den Ultraschall verlassen. Sie hatten keinen Jungennamen, als Hannah geboren wurde. Und auch dieses Mal haben sie sich schon auf einen Mädchennamen geeinigt. Tabitha betrachtet Hannah, deren Gesicht voller Eis ist. Was ist schon ein Name, denkt sie. Wir finden auch einen Jungennamen, falls nötig.
Aber da ist noch eine andere Note in der Aufregung ihres Schwiegervaters. Eine größere Dringlichkeit. Da geht es um mehr.„Wir haben es auch machen lassen“, sagt er mit krähender Stimme. Er hat es schon ein paar Mal gesagt. Er sagt immer „WIR“ als hätte auch er da gelegen mit der Angst und den Schmerzen. Und dann: „Meine Frau war auch zu alt.“ Ja wirklich, das hat er gesagt. Zu alt. Seine Frau pflegt ihr gleichmütiges Lächeln. Hat sie es nicht gehört? Kann doch nicht, denkt Tabitha und schaut über den Tisch, sieht in das hagere Gesicht ihres Schwiegervaters. Sein Kinn ist vorgereckt, die Mundwinkel herabgezogen. Seine Augen sind unerbittlich. Er duldet keine Zufälle, keine Abweichungen in seinem Genpool.
„Zu alt?“, sagt Tabitha und legt ihre Hände übereinander auf ihren Bauchnabel. Die Schleife dreht sich wieder. Er fängt wieder von vorne an. Junge, Mädchen. Alter. Tabithas Alter. Krankheiten. Fruchtwasseruntersuchung. Da ist das Wort wieder: Fruchtwasseruntersuchung.
„Niemand sticht mit einer Nadel in meinen Bauch“, sagt Tabitha. Und das ist alles, was sie dazu zu sagen hat. Sie sagt es darum noch einmal: „Niemand sticht mit einer Nadel in meinen Bauch.“
Und danach ist Stille.