Mondfarben Leseproben
Der Wolf
„Ich bin nur ein Helfer im Kloster", sagte Guillaume. „Ich habe kein eigenes Geld.“ Unwillkürlich glitt sein Blick dahin, wo der Cellerar jetzt wieder um Waren feilschte. Die Augen des Gauklers folgten seinen. Das Lächeln wurde fast noch breiter, seine Zähne blitzten zwischen schön geschwungenen Lippen.
„Du musst dem Alten da das Zeug hinterher tragen?“
Guillaume fürchtete, er werde gleich weitergehen.
„Ich könnte euch etwas aus der Speisekammer bringen“, sagte er schnell, „wenn es mir gelingt, mich wegzuschleichen. Seid ihr Morgen noch hier?“
„Noch einige Tage.“
Da war ein Wunsch zwischen ihnen. Er schwebte auf dem Lächeln des Gauklers zu Guillaume.
Die Prinzessin
Unsere vier Namen stehen für immer beieinander im Kirchenbuch. Als Eheleute und Trauzeugen. Aber wir kennen die Wahrheit. Mit den Jahren liebte ich Guillaume auf die gleiche Weise, wie ich Agnes liebte. Doch wartete ich, mich danach zu verhalten, bis ich sicher war, dass es sie nicht verletzte. Meine Sorge war unbegründet. Agnes kannte keine Eifersucht. Ihre Liebe war gleichmäßig, warm und tief – für mich, wie für Leander und Guillau-me, wenn auch für diese in einem schwesterlichen Sinn. Wir hatten eine glückliche Zeit viele, viele Jahre lang. Unsere Liebe blieb immer jung.
Der Welpe
„Ich habe es nicht geraten. Ich sehe so etwas. Ich weiß fast immer, was Leute als nächstes sagen werden. Es steht ihnen ins Gesicht geschrieben.“ Ray überlegt kurz. „Oder … ich weiß nicht. Ich glaube jedenfalls, ich sehe es ihnen an. Ich weiß eigentlich nicht, wie ich es mache, aber ich durchschaue sie.“
Der Sitzsack knistert, als Yunis darin herum rutscht. Ray schaut ihn an und sagt: „Du glaubst nicht, dass ich angebe oder lüge. Aber wenn ich es nicht tue, dann ist es unangenehm.“
Yunis sieht für einen Augenblick aus, als wolle er „erwischt“ sagen. Sein schiefes Grinsen verrutscht ein wenig. Ray lehnt sich vor.
„Ich habe das noch nie jemandem gesagt, nicht mal meiner Schwester.“
Unwillkürlicher Stolz drängt sich in Yunis‘ Unsicherheit. „Solltest pokern“, sagt er und lacht kurz und kieksend auf.
Die Jägerinnen
Sie machte sich bereit, den Schal mit der Linken herunter zu reißen, während die Rechte den Dolch führte. Es musste schnell gehen. Nicht, dass sie von dem Kind Widerstand erwartete. Doch sie wollte nicht Zeit haben, sich zu bedenken. Ein Kind. Heranwachsend zu einer Bestie. Sie musste an die Bestie denken, um ihr Werk vollenden zu können, an struppiges Fell und fletschende Zähne. An all die Geschichten, die ihre Mutter ihr erzählt hatte, von zerfetzten Körpern, von aufgerissenen Kehlen und ausgeweideten Leibern.
Die Familie
„Wir haben das Dorf verlassen“, sagte der Mann, der sich zuvor als Martin vorgestellt hatte, „weil sie sagten, Agnes, meine Schwägerin, sei vom Teufel besessen.“ Er deutete mit einer Bewegung seines Kopfes auf die junge Frau. Sie fing seinen Blick auf und nickte ihm zu, machte einige Zeichen mit ihren Händen, die sie offenbar zur Verständigung nutzte, und sie lachte. Martin wandte sich wieder an Guillaume.
„Agnes ist immer so fröhlich“, sagte Martin, „trotz aller Widrigkeit. Glaubt Ihr, dass sich der Teufel in einem so heiteren Wesen zeigt?“ Er zuckte ein wenig zusammen, blickte auf seinen Teller und murmelte: „Verzeiht meine Vermessenheit, Herr.“
„Ich glaube nicht an den Teufel“, sagte Guillaume. „Und doch sehe ich ihn überall.“ Agnes hatte ihn verstanden. Sie lächelte, während ihre Schwester verwirrt dreinsah.
Die Gaukler
Das Lachen schützte sie gegen die Demütigung, die sie fühlten, wenn die Leute ihre Abscheu offen zeigten. Fabi-enne, die große Frau lachte dröhnend. Sie erzählte, dass ein junger Mann beinahe in Ohnmacht gefallen wäre, als sie sich zu ihm vorbeugte. Der Starke legte den Arm um sie und lachte mit ihr, bis seine Muskeln zitterten. Fernands und Isabels Lachen hallte wie Kinderstimmen in der Luft, wenn sie die Gaffer mit ihren mitleidigen und neugierigen Blicken nachmachten. Guillaume hörte am Feuer die alten Geschichten. Wie Ninette zu ihnen gekommen war, nach ihrer Flucht vom Zirkus ihres Vaters.
(...)
Fabienne verstrubbelte George die Haare. Er war gerade in Reichweite und rückte lachend weg. Loïc lachte auch und streckte seine Hand nach seiner Mutter aus. Er hatte seinen Kopf in Guillaumes Schoß gebettet, und als Fabienne seine Hand los lies, ließ sie ihre auf Guillaumes Schulter fallen. Loïcs und Guillaumes Liebe war unter den Gauklern so selbstverständlich wie die Tatsache, dass Guillaume ein Wolf sein konnte, wann immer er wollte.
Das Rudel
Als Ray das Fahrrad anschließt, fährt ein Motorrad auf den Hof. Unter dem Helm der Fahrerin quellen hellrote Locken hervor. Hinter Laura sitzt ein Mann, der absteigt, sobald die Maschine steht. Er ist groß und schlank und ganz in mattschwarzes Leder gekleidet. Die Mädchen auf der Treppe unterbrechen ihr Gespräch und schauen in seine Richtung. Einer steht der Mund offen. Er geht mit weichen Schritten um das Motorrad herum, nimmt dabei seinen Helm ab. Ein schmales, blasses Gesicht kommt zum Vorschein. Er lächelt wie in Gedanken. Seine hellgrauen Augen ruhen auf Laura, die sich ebenfalls gerade von ihrem Helm befreit. Ihr Lächeln ist wie seins. Sie sieht ihm in die Augen und erwidert seinen sanften, kurzen Abschiedskuss. Die Mädchen starren die beiden Erwachsenen an.
Ihr Mann ist so viel jünger, denkt Ray.
Das Lächeln des Mannes wird ein wenig breiter. Er küsst Laura noch einmal, diesmal deutlich entschiedener. Dann schwingt er sein Bein mit einer eleganten Bewegung über die Maschine. Die Mädchen auf der Treppe kichern leise, als er seine Hüfte nach vorne schiebt, um sich in den Sitz zu schmiegen. Ray ist sicher, dass er die Aufmerksamkeit genießt. Laura Bergmann bestätigt diesen Gedanken mit einem leicht belustigten Blick. Ihr Mann nickt in Rays Richtung, bevor er seinen Helm wieder aufsetzt. Dann startet er den Motor und fährt vom Hof. Laura schaut ihm nach. Ihr Lächeln steht noch auf ihren Lippen als sie zu Ray herüber geht.
„Es gibt so viel zu erzählen“, sagt sie. Dann geht sie mit raschen Schritten zum Eingang, schließt die Tür auf und betritt gefolgt von den Kindern den Gang.
„Ich bin heute allein mit euch“, erklärt Laura, während sie das Büro aufschließt. „Ray, kommst du bitte kurz, ich wollte dir was zeigen.“ Die beiden Mädchen verschwinden im Umkleideraum. Laura schließt die Bürotür von innen und dreht den Schlüssel sachte und geräuschlos. Dann nimmt sie eine Thermosflasche aus ihrem Rucksack.
„Der Tee verhindert, dass sich dein ganzer Körper in der nächsten Zeit mit Wolfshaar bedeckt. Wir haben ihn so dosiert, dass du eine Woche damit auskommst, wenn du jeden Tag einen kleinen Schluck trinkst. Ich bringe dir nächste Woche eine neue Flasche.“